Diplom: Weil alles fortläuft, jeden Tag

 

Something is happening here,
but you don´t know what it is,
do you Mr. Jones?

Bob Dylan

Als Bob Dylan 1965 mit Highway 61 Revisited sein zweites, elektronisch verstärktes Album veröffentlichte, hatte er sich endgültig von der Zuschreibung emanzipiert, die Stimme seiner Generation zu sein. Statt dessen delegierte sich Dylan zum marktabgewandten Prototypen eines Modells, das zwei Jahrzehnte später Madonna zur kommerziell erfolgreichen Perfektion bringen sollte. Die ständige Erneuerung aus sich selbst heraus, das Rimbaudsche Prinzip des Je est un autre. Bereits ein Jahr zuvor thematisierte er auf Another Side seine Skepsis gegenüber der Vereinnahmung durch Bürgerrechtsbewegung und Folkszene. Die Plattentektonik der amerikanischen Gesellschaft hatte sich zu verschieben begonnen, die Erde bebte in Newport und unter dem Marsch auf Washington, Divergenzen durchzogen den Zeitgeist, Risse entzweiten die Generationen und er, Dylan, war dazu auserkoren, diese Richterskala von Aufruhr und Rebellion in ungeahnte Höhen zu treiben. Als Liebeslied tarnte er seine Absage: It Ain’t Me Babe. Fünf Minuten und sechsundfünfzig Sekunden benötigt Dylan im darauffolgenden Sommer, um mit der Ballad Of A Thin Man wütend festzustellen, dass sich all die Ängste und Hoffnungen, die Begehrlichkeiten und Ressentiments, denen Menschen mitunter verfallen, nicht in einer Person bündeln lassen, dass sie keinesfalls die Simplifizierung ertragen, sich in einem Wort zu manifestieren. Hinter all den G-Wort-Hülsen, die wir tagtäglich vorgesetzt bekommen, verbirgt sich also nichts, was zu Erkenntnis führen könnte. Generation X. Generation Y. Je unübersichtlicher sich die Vorgänge in den Fußgängerpassagen und Wartesälen präsentieren, desto größer wird der Kessel, in dem es lustig vor sich hin brodelt. Man täte gut daran, die Erfinder solcher Label ihre Suppe selbst auslöffeln zu lassen.

Mr. Jones have you heard of Norma Desmond
and how she felt out of time?

Ja, Panik

Da ist also irgendwas im Gange, das erkundet werden will. Etwas, das zu beschreiben schwer fällt, so schwer, dass manch einer ewig dicke Romane verfasst. Essays. Gedichte. Oder eben photographiert. Damit solche Erkundungen gelingen, muss vor die Tür gegangen, muss sich die Welt angesehen werden. Viel erstrebenswerter als Hermeneutik ist Empathie. Andy Grundberg schreibt in seinem Vorwort zu American Prospects: »To discover America is to discover oneself«. Wie Recht er hat! Und es ist genau das, was hier passiert. Da wird sich mit der Absicht auf den Weg gemacht, den Status quo eines Landes, die Verfasstheit einer Generation abzubilden.
Da wird sich die Frage gestellt, was macht uns unmittelbar aus, wo verlaufen Brüche,  verlaufen sie generell, und wenn ja, teilen sie womöglich schon das Gestern vom Heute, und dieses Heute vom Morgen. Wie selbstverständlich wurde nichts Handfestes gefunden, bloß ein subjektiver Blick. Vielleicht wäre eine Norma Desmond auch zu viel verlangt gewesen. Solch ein allegorischer Epochenumbruch, er existiert hier nicht.
Aber trotz allem bildet sich ein Konglomerat aus Ahnungen über das, was abzulaufen scheint. Beim Betrachten der Portraitierten, deren Blicke eine ganze Palette an Haltungen erzählen, und mehr noch, während der Vertiefung in die menschenleeren Aufnahmen, die beiläufigen Landschaften. Da sind zerwühlte Betten [weil alles fortläuft, jeden Tag]. Fußabdrücke [hundertfach zitiert] auf einer zugefrorenen Ostsee [wohin, wohin bloß]. Mitteldeutschland hinter Maschendraht. Die Orte des Transit. Autobahnen. Raststätten [es gab eine Zeit, bevor es Tankstellen gab]. Eine leere Parkbucht im Schnee. Vögel im Auftrieb. Ein totes Insekt auf dem Fensterbrett [all diese Bienen, all diese Blumen]. Ein Strauch bei Nacht. Gräser unter Wasser. Attrappen an Fäden. Und überhaupt: Attrappen! Realität wird auf Imitationen abgeklopft. Bald brechen sie auf, die Risse zwischen den Tagen [wer fällt, wer bleibt], um sich wieder zu schließen oder weiter auseinander zu driften. Überall drohen Verschiebungen, die Echtes in Kulisse wandeln [der Raddampfer, der seine Schornsteine einklappt, erinnerst du dich, damals die Müritz], so allgegenwärtig, dass die Äpfel nicht reifen, nicht verfaulen [abfallen höchstens], und dass sich das Leben dann verschüttet [vielleicht zerbricht].
Pascal Richmann

Die Diplomarbeit weil alles fortläuft, jeden Tag entstand 2013 am FB Design der Fachhochschule Dortmund.